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Elektrofahrzeuge erfordern aufgrund der hohen Batteriegewichte eine höhere Lasttragfähigkeit der Reifen. (Quelle: Continental)

03. September 2018

Vorschau zur Eurotyre 2018: Neue Mobilitätstrends verändern die Reifenindustrie

Vom 25. – 26. September 2018 treffen sich Reifenexperten aus Industrie, Wissenschaft, Politik und Behörden zur 3. Internationalen VDI-Konferenz Eurotyre 2018 in Brüssel. Im Fokus stehen die Themen zukunftsweisende Mobilitätstrends und neue Anforderungen an Reifen, innovative Reifentechnologien, vernetzte Reifen, Emissionen und Sicherheit sowie Nachhaltigkeit, Umwelt und Kreislaufwirtschaft.

Frank Lueckgen, Director Tire & Specialty Rubbers und Global Marketing Tires bei Arlanxeo Switzerland S.A., gehört zum Experten-Gremium der Konferenz. „Als Haupttreiber der Entwicklung sehe ich connected cars: Die Autos kommunizieren miteinander, so dass ein gesteuerter Verkehrsfluss möglich ist. Außerdem ist autonomous driving (autonomes Fahren) wichtig: Das Auto fährt völlig oder teilweise autonom. Dazu kommen car sharing und ride sharing: Autos werden häufiger für bestimmte Zwecke gemietet und weniger nur für die Eigennutzung gekauft. Das heißt, dass auch die Entscheidungsträger über den Kauf von Autos und somit auch von Reifen wechseln werden. Und nicht zuletzt das Thema electric cars (Elektrofahrzeuge): Der Anteil der Elektrofahrzeuge wird deutlich zunehmen“, sagte Lueckgen.

Aus der Sicht des Rohstofflieferanten für die Reifenindustrie sind für ihn Themen wie Reifenkennzeichnung, die künftigen Anforderungen an Reifen, der Reifenrollwiderstand, Umweltaspekte sowie der Ausblick auf globale Märkte und neue Technologien interessant. „Die Reifen werden immer spezifischer für die einzelnen Anwendungen in den Bereichen PKW, LKW oder Spezialreifen entwickelt. Darauf muss die Industrie reagieren. Innerhalb des Segments wird es eine größere Vielfalt an Reifen geben, was für die Wertschöpfungskette eine logistische Herausforderung ist. Und nicht zuletzt werden die Entwicklungszyklen kürzer“, benennt Lueckgen die Themen, denen sich die Reifenindustrie und die Zulieferer stellen müssen.

Neue Mobilitätstrends und autonome und elektrifizierte Fahrzeuge haben auch Auswirkungen auf die Reifenindustrie. (Quelle: Continental)

Neue Mobilitätstrends und autonome und elektrifizierte Fahrzeuge haben auch Auswirkungen auf die Reifenindustrie. (Quelle: Continental)

Autonome und elektrifizierte Fahrzeuge sollen demnach in Zukunft dabei helfen, die Herausforderungen aufgrund von Urbanisierung und globaler Erwärmung zu meistern. „Autonome Konzepte werden den Verkehrsfluss in Städten und auf Autobahnen optimieren, die Elektrifizierung der Fahrzeuge wird als Zwischenspeicher von regenerativen Energiequellen dienen und hilft Abgase in den Städten zu reduzieren. Beide Industrietrends verändern das Anforderungsprofil an den Reifen und werden auch das Endverbraucherverhalten beeinflussen“, sagte Dr. Boris Mergell, Senior Vice President Research & Development Passenger and Light Truck Tires bei der Continental Reifen Deutschland GmbH. Beispielsweise erforderten Elektrofahrzeuge eine höhere Lasttragfähigkeit der Reifen aufgrund der hohen Batteriegewichte. Autonome Fahrzeuge müssten zudem ein sehr präzises Antwortverhalten der Reifen sicherstellen und werden via Sensorik zum integralen Bestandteil des Fahrzeugs.

„Für uns als Reifenindustrie ist es sehr wichtig, zu verstehen, wie sich beispielsweise das Fahrzeugportfolio in den Städten verändert. Sogenannte People Mover in Städten werden andere Reifengrößen, Geschwindigkeitsanforderungen und Mobilitätslösungen benötigen. Aufgrund der höheren Lasten und Drehmomente von Elektrofahrzeugen erhöhen sich die Produktanforderungen an PKW-Reifen bezüglich Abriebfestigkeit und Haftung“, erklärte Mergell weiter. In der Übergangszeit, in der die heutigen und die neuen Fahrzeugkonzepte gleichzeitig im Markt operieren, werde die Reifenindustrie eine größere Artikelvielfalt produzieren müssen, die entsprechend die Komplexität des Reifenhandels erhöhe.

Vor diesem Hintergrund gewinnt der vernetzte Reifen zunehmend an Bedeutung. Jörg Sturmhoebel, Marketing und Verkauf bei Nira Dynamics AB in Linköping, Schweden, erklärte: „Automatisiertes Fahren und Carsharing-Modelle entkoppeln den jeweiligen Fahrzeugnutzer immer mehr von der Verantwortung für Wartung und Unterhalt eines Fahrzeuges. Fahrzeuge müssen deshalb in Zukunft über deutlich weitergehende Möglichkeiten zur vernetzten Selbstdiagnose und Analyse des aktuellen Fahrzeugumfeldes verfügen, um einen sicheren und effizienten Betrieb zu gewährleisten“.

Dieses Ziel soll nicht durch weitere Sensoren erreicht werden, vielmehr will man bereits verfügbare Signale kombinieren und vernetzen. „Es eröffnen sich zwei strategisch wichtige Technikfelder, die wir als „Vehicle Onboard Analytics“ (VOA) und „Road Perception“ (RP) bezeichnen“, so Sturmhoebel. Hinter VOA verbirgt sich das Condition Monitoring von verschiedenen Fahrwerkskomponenten wie Räder, Reifen, Lager, Radaufhängungen, Dämpfer oder Bremsen. RP umfasst verschiedene externe Assistenzfunktionen bis hin zur Unterstützung des hochautomatisierten Fahrens, der Optimierung des Winterdienstes sowie der Instandhaltung des Straßennetzes.

Auf der Eurotyre wird Sturmhoebel LWI (Loose Wheel Indicator) aus dem Bereich VOA vorstellen. „Dies ist die weltweit erste derartige Funktion, die bei diversen Audi-Modellen bereits in Serienproduktion ist und ein Problem löst, welches oft unterschätzt wird“, sagte er.

Zudem sei eine vernetzte Reibwertschätzung wichtig, eine bisher nicht verfügbare, aber zwingend notwendige Schlüsselfunktion für autonomes Fahren unter nicht-optimalen Straßenverhältnissen. „Durch einen streng hardware-freien Sensorfusions-Ansatz können zusätzliche Sensoren für die genannten Funktionen entweder vollständig überflüssig werden oder können zumindest einfacher und kostengünstiger ausgeführt werden. Damit werden diese Funktionen schneller in der Breite verfügbar und erhöhen so den positiven Effekt auf die Verkehrssicherheit und Umwelt“, benennt Sturmhoebel einige Vorteile.

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